Zu Gast im 77. Moltke-Forum: Prof. Hans Ulrich Gumbrecht
erstellt: 02.06.2014

Am Montagabend des 26.5.2014 war es so weit: Das letzte Moltke-Forum in seiner bisherigen Form öffnete seine Türen für einen Gast, der es fast genau vor neun Jahren, nämlich am 9.12.2005, schon einmal betreten hatte, und damit erfüllte sich der persönliche Wunsch des Forum-Begründers: Es war Herr Prof. Dr. Hans Ulrich Gumbrecht, RomanistLiteraturwissenschaftler und Literaturhistoriker, Hochschullehrer und Publizist. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Komparatistik an der Stanford University und ständiger Gastprofessor an der Université de Montréal, am Collège de France sowie an der Zeppelin Universität.

Gumbrecht referierte über das Thema: „Prosa der Welt“ oder die Aufklärung, die wir jetzt brauchen – Über Diderot, Goya, Lichtenberg und Mozart. Der Titel suggeriert zweifelsfrei, dass sich der Literaturwissenschaftler und bekennende Borussia Dortmund-Fan für eine neue Sichtweise der Aufklärung ausspricht – weil die alte ihre Tauglichkeit verloren habe? Und so machte er auch gleich zu Anfang klar, dass allein ein anderer Blick auf das 18. Jh. – das Zeitalter der Aufklärung – vonnöten sei, der dann auch essentiell für unser Leben werden könnte. Es sei zu hinterfragen, ob wir die Aufklärung als etwas Normiertes, in deren Mittelpunkt einzig die Rationalität stehe, so noch bräuchten, ob sie uns in unserer heutigen Welt überhaupt noch weiterhelfe / -bringe.

In seinen weiteren Ausführungen versuchte der zehnfache Ehrendoktor die Affinitäten von Diderot, Goya, Lichtenberg und nicht zuletzt Mozart für seine Theorie der „breiten Gegenwart“ zu verdeutlichen. Unter dieser versteht er das Gegenwärtige, das eingeschlossen ist von einer nicht mehr planbaren, bedrohlichen Zukunft und einer uns überflutenden Vergangenheit. Diesen Zustand bezeichnet er auch als den/einen Chronotopen, damit auf ein literaturwissenschaftliches Idiom des russischen Literaturwissenschaftlers Bachtin rekurrierend. Dem im historischen Weltbild verankerten aufklärerischen Ansatz des späten 18. Jhs., das auf eine Kompatibilität von Erfahrung und Wahrnehmung gesetzt habe und das auf das Abstrakte ausgerichtet sei, habe z.B. Diderot das Singuläre u n d Konkrete als Merkmale einer Auseinandersetzung mit der Welt entgegengesetzt. Auch die anderen drei genannten Geistesgrößen hätten – nicht zuletzt auch auf Grund ihrer körperlichen Gebrechen - auf das allein individuell erfahrbare Phänomen gesetzt. Um nun den Bogen zum 20. Jh. zu schlagen, verwies der Romanist darauf, dass es heute nur noch eine sich permanent verbreiternde Gegenwart der Simultaneitäten gebe: „Es (sei) zu jedem Moment fast alles möglich.“ Da wir in einem Zeitalter der radikalen medialen Kontingenz lebten, mittels derer es nichts Unmögliches mehr gebe, wo wir glaubten, dass wir immer mehr Zeit besäßen, im Grunde aber von der Zeit agitiert würden, wir existentiell keinen Raum besäßen (siehe Facebook), sei Aufklärung im Sinne einer historisierenden Verankerung obsolet geworden, und gerade die Jugend habe ein ungestilltes Bedürfnis nach Sinnlichkeit, nach sinnlicher Erfahrbarkeit des Hier und Jetzt. Der Körper z.B. sei nur noch in Großveranstaltungen à la Papstmessen oder Fußballspielen erfahrbar als einer Form des corpus mysticum, mithin, dass man sich (nur noch?) in der empfundenen Körperlichkeit der Masse selbst realisiere(n & erfahrbar machen) könne.

Im Anschluss an eine interessierte und um weitere Aufklärung bzgl. seiner radikalen Thesen bemühte Diskussion sprach Gumbrecht seinen Glückwunsch und seine Hochachtung für die knapp 19 Jahre währende Zeit des Forums aus und erhielt den ihm verdientermaßen zustehenden lang anhaltenden Applaus der 99 Besucher.

Wolfgang van Randenborgh

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