Für ein Headbanging reicht es nicht mehr

Ein Treffen 50 Jahre nach dem Abitur

Einer lebt auf Madeira, zwei wohnen in Wien, drei geben Paris den Vorzug vor Krefeld, zumindest für einige Monate im Jahr, andere zieht es nach Mallorca. Es sind Rentner, die sich am 13. Juni (2026) in der Waldschänke des Stadtwaldhauses versammeln. Sie haben sich viel zu erzählen. Es ist ein halbes Jahrhundert her, seit sie am 31. Mai 1976 im „Moltke“ ihr Abitur-Zeugnis in die Hand gedrückt bekamen. Da sitzt der Zahnarzt neben dem Kapitän zur See, der Kunstakademie-Absolvent erzählt von seinen Lehrjahren bei Uecker, während am Nachbartisch die Enkelfotos rumgereicht werden. Jürgen Hoffmann hat es eilig. Der 83 Jahre alte Lateinlehrer a.D. muss noch zu einer Hochzeit, grüßt, plaudert gut gelaunt, stellt sich für ein Gruppenbild auf und saust davon. Er bekommt nicht mehr mit, als auf einem Bildschirm zu sehen ist, wie er seinem Kollegen Roland Kempe am Strand von Ostia den Rücken eincremt oder Englischlehrer Willi Kronenberg sich auf dem Schulhof der Ridgefield Highschool in den USA einen Motorradhelm aufsetzt. Die Klassenfahrt nach Rom 1975 oder die Reise der 11a von 1974 nach Connecticut flimmern als Fotopräsentation über die Mattscheibe. Live und in Farbe, ohne Playback und Konserve tritt zu später Stunde Wolfgang Reyscher ans Mikrofon. Folk, Soul und zum Schluss ein selbstgetexteter Schlager, der frenetischen Beifall erntet. Die Freunde, die vor 50 Jahren Doors verehrten, die Stones den Beatles vorzogen und Headbanging zu Status Quo praktizierten, haben sich mit dem Schlager ausgesöhnt. Nicht nur, weil bei den meisten die Haare an Zahl und Länge für ein rhythmisches Schütteln zur Musik nicht mehr ausreichen. Zwölf leben nicht mehr, zwei Dutzend von ehemals 84 in der Kursstufe kamen an diesem Abend zusammen. Keiner konnte sich an einen Abistreich erinnern, aber alle wollen sich bald wiedersehen. 

Stefan Schröder (im Juli 2026)

Treffen 50. Jahre nach dem Abitur